Interview mit unserem Gast Victor Toche

 

„Deutschland ist spitze!“

Victor Toche, Deutschlehrer und Dezernent im Ministerium Bafoussam in der Region West-Kamerun, war für zwei Wochen zu Gast im Kreis Minden-Lübbecke, um Einsicht in das duale Ausbildungssystem zu gewinnen und Perspektiven für die Entwicklung der Partnerschaft zwischen dem Berufskolleg Lübbecke und dem Gymnasium in Fondjomekwet zu entwickeln. Dabei hospitierte er in verschiedenen Schulformen des Berufskollegs und besuchte zusammen mit Gastgeberin Marianne Gniffke (Fondjomekwet e. V.) heimische Industrie- und Handwerksbetriebe.

Herr Toche, Sie stammen aus Kamerun. Stellen Sie doch bitte Ihr Land kurz vor.

Kamerun liegt in Zentralafrika am Atlantik und wird von Präsident Paul Biya von der Hauptstadt Yaoundé aus regiert. Die Amtssprachen sind Französisch und Englisch, es werden aber zusätzlich über 200 afrikanische Sprachen von etwa genauso vielen Volksstämmen gesprochen. Die Bevölkerung lebt überwiegend von der Landwirtschaft und der Lebensstandard der ca. 23 Millionen Einwohner ist im Vergleich zu Deutschland sehr gering.

Was hat Sie bei Ihren Besuchen in den Betrieben und in den verschiedenen Schulformen des Berufskollegs besonders beeindruckt?

Deutschland ist spitze! Kreativität wird schon in der Schule sehr gefördert. In allen Bereichen stellt man sich immer wieder die Frage, was man noch verbessern kann. Die Ausstattung der Klassenräume mit Beamer, Laptop und Dokumentenkamera ist beeindruckend. Während die Overheadprojektoren in Deutschland schon veraltet sind, werden sie in Kamerun als modernes Lernmaterial betrachtet. Auch die Vielfalt der Bildungsgänge ist bemerkenswert. So wird beispielsweise in Kamerun nicht zwischen einem Tischler oder einem Zimmerer unterschieden, sondern es ist ein und derselbe Beruf.

Frau Gniffke, Sie haben den Verein Fondjomekwet e.V. gegründet, um die medizinische Versorgung der Menschen in der gleichnamigen Großgemeinde sicherzustellen und den Jugendlichen eine Perspektive durch Arbeit und Ausbildung zu bieten. Unter welchen Bedingungen gehen die Schülerinnen und Schüler in Kamerun zur Schule?

Die Schulen in Kamerun sind sehr schlecht ausgestattet. Es gibt keine sanitären Anlagen, die Türen fallen aus den Angeln oder sind gar nicht vorhanden. Die Dächer sind undicht, die Bänke in einem katastrophalen Zustand und die Kreide hält nicht auf der Tafel. In den Städten Kameruns kann es vorkommen, dass bis zu 150 Schülerinnen und Schüler in einem Raum von ca. 81m2 unterrichtet werden. Dazu kommt der Lehrermangel. Lehrer erhalten in den ersten zwei bis drei Jahren kein Gehalt, danach sind es dann umgerechnet ca. 400 Euro, die sie monatlich verdienen. Außerdem sind nur ca. 30% der Fläche Kameruns mit Elektrizität ausgestattet. Besonders im Hinterland gibt es Schwierigkeiten mit der Elektrizität, aber auch mit der Trinkwasserversorgung, der Infrastruktur und dem Gesundheitsdienst. Bei Stromausfall kommt das öffentliche Leben, beispielsweise in Krankenhäusern und Schulen, zum Erliegen.

Herr Toche, wie hoch ist der Stellenwert der Bildung in Kamerun?

Obwohl es keine Schulpflicht gibt, hat Bildung einen hohen Stellenwert in Kamerun, denn fast alle Kinder gehen in der Regel mit sechs Jahren zur Grundschule. Manche Schülerinnen und Schüler gehen auch erst mit sieben oder acht Jahren zur Schule. Dabei sind sie oft eine Stunde zu Fuß unterwegs, da es in den Dörfern keine Autos gibt. Wenn sich keine Schule in der Nähe befindet, dann schicken die Eltern ihre Kinder sogar zu Verwandten oder guten Freunden, die näher an einer Schule wohnen. Die Kinder kehren dann nur in den Ferien nach Hause zurück. Wohlhabendere Eltern mieten ein Zimmer für ihre Kinder in der Stadt, in der sich eine Schule befindet. Gelernt wird abends, sofern elektrisches Licht vorhanden ist oder im Schein der Petroleumlampe.

Welche Bildungswege können denn die Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule einschlagen?

Nach der Grundschule muss man eine Aufnahmeprüfung für die Sekundarstufe ablegen und sich entweder für den allgemeinbildenden oder den technischen Zweig entscheiden. Nach sieben Jahren legt man dann das Abitur ab. An den technischen Schulen werden die Schülerinnen und Schüler sowohl theoretisch als auch praktisch in einer Werkstatt durch die Lehrkräfte ausgebildet. Wer nach dem Abschluss der Sekundarstufe nicht zur Universität gehen möchte, der sucht sich dann selbst eine Arbeit in einem Betrieb oder macht sich selbstständig, wenn die finanziellen Mittel dazu vorhanden sind. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Kamerun kein duales Ausbildungssystem.

Könnte man auch in Kamerun das duale System einführen?

Selbstverständlich! Mit allem, was ich am Berufskolleg Lübbecke und in den Betrieben erlebt habe, bin ich davon überzeugt, dass das duale System genau das ist, was wir in Kamerun zum wirtschaftlichen Aufschwung benötigen. Dazu brauchen wir die Zustimmung des Ministeriums, aber auch Betriebe, die mitmachen.

Welche Betriebe gibt es denn dort?

Es gibt nicht so viele Unternehmen wie in Deutschland, doch Kamerun verfügt über Betriebe in den Bereichen Industrie, Landwirtschaft, Bergbau, Straßenbau und Forstnutzung, aber auch kleine Handwerksbetriebe.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Kameruns?

Dass auch bei uns ein duales System im Schulsystem etabliert wird, sodass sich Kamerun schnellstmöglich durch Bildung weiterentwickeln kann. Ein ehemaliger Botschafter Deutschlands erklärte 2008 bei einem Treffen der Deutschinspektoren in Yaoundé, dass der einzige Rohstoff Deutschlands die Bildung sei, weil das Land keine Bodenschätze hat. Diese Aussage finde ich besonders bedeutungsvoll. In Bezug auf die ausgezeichneten Beziehungen zwischen Kamerun und Deutschland bin ich überzeugt, die Deutschen unterstützen uns wie immer in diese Richtung.

Ich danke Ihnen für das Interview!

Ich darf mich bei Ihnen auch bedanken, mir die Gelegenheit gegeben zu haben, meine Erfahrungen im Rahmen dieses Besuchs auszudrücken. Ich danke sehr herzlich Frau Marianne Gniffke, ohne deren Verein Fondjomekwet e. V. ich nicht die Gelegenheit gehabt hätte, das Berufskolleg Lübbecke kennenzulernen. Ich spreche auch Schulleiter Herrn Stefan Becker nochmals meinen besten Dank für die entstandene Partnerschaft zwischen dem Berufskolleg Lübbecke und dem Gymnasium in Fondjomekwet aus. Möge sie lange währen und den Jugendlichen von Fondjomekwet eine Perspektive bieten.

Kontakt zum Verein Fondjomekwet e. V.:

Marianne Gniffke

Schierholt 1

D-32339 Espelkamp

Email: Marianne.Gniffke@gmx.net

www.fondjomekwet.de

 

 

 

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